Den Unternehmern wird Appetit auf das Auto der Zukunft gemacht

Autonomes Auto mit Eletroantrieb oder Brennstoffzelle? Experte stellte beim Unternehmer-Netzwerk der Raiffeisenbank Modelle für morgen vor.

VON CAROLA SCHERBEL

Wie bewegen wir uns in Zukunft fort?

Steigen wir in selbstfahrende Taxibusse, die uns auf Bestellung vor der Haustür abholen? Wird der Antrieb künftiger Einsitzer mit Batterie erzeugt? Liegt die mobile Zukunft in der Brennstoffzelle? Und ab wann chauffiert uns das Lufttaxi? Die Frage "Wie sieht die Automobilität von morgen aus?" stellte die Raiffeisenbank Roth-Schwabach bei ihrem vierten Unternehmer-Netzwerk in der Rother Kulturfabrik. Für die Antworten war vor fast 200 geladenen Gästen der Automobilexperte Professor Dr. Hannes Brachat zuständig — und drei Autohändler aus der Region.

ROTH — Eigentlich hatte die Raiffeisenbank zu ihrem Netzwerk-Treffen ein Audi-Vorstandsmitglied eingeladen. Aber im Sog der Diesel-Affäre "war unser Referent plötzlich nicht mehr da", bekannten die Moderatoren des Abends, Vorstandsvorsitzender Dr. Carsten Krauß und Firmenkundenchef Ralf Jäger. Ersatz wurde gefunden in Professor Hannes Brachat, der die Zeitschrift "Autohaus" herausgibt und als bekennender Schwabe die Gäste in doppelter Hinsicht "dialektisch" unterhielt.

So startete er mit der Schwäbin Bertha Benz, die 1886 mit einem "Automobil" als erste überhaupt die 100 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim zurückgelegt hatte. Damals unvorstellbar, heute notwendig: Der Referent brachte einen ganzen Korb voller Appetithäppchen mit, die nach automobiler Zukunft schmecken. Im Zeichen von Globalisierung, Urbanisierung und Vernetzung, von Klimaund demografischem Wandel seien neue Geschäftsmodelle nötig und möglich. Städte wie Chongqing mit 32 Millionen Einwohnern machen deutlich: Ziel sei das emissionsfreie Auto.

Brachat warf einen kurzen Blick auf mehrere Antriebsarten — vom Elektro- und Hybridauto (mit Elektro- und Kraftstoffmotor) bis zum Brennstoffzellenfahrzeug. Nicht ratsam sei jedoch, sich auf eine Technik festzulegen: "Semper apertus", gab er als Leitmotiv aus. Einen Seitenhieb gabs Richtung Verkehrsminister für die Maut ("Päpperleszeug"), und in der "Diesel-Malaise" beklagte er "einseitige Darstellung", die Automobilindustrie (VW hat 650000 Mitarbeiter, bei Bosch sind von 360 000 Mitarbeitern allein 60 000 mit dem Diesel befasst) sei doch auch von politischen Vorgaben abhängig. Das bestätigte später in der Diskussionsrunde Ferry Franz, Europarepräsentanz-Chef von Toyota, der als Gast der Schwabacher Toyota-Händlerin Alexandra Buhl spontan der Einladung nach Roth gefolgt war: Kanzlerin Merkel selbst habe ein "Politik-Versagen" eingestanden, so kurzfristig seien die Diesel- Grenzwerte "nicht zu erfüllen".

Laut Professor Brachat spielen künftig auch alle Assistenzsysteme bis hin zum autonomen Fahren eine wichtige Rolle, wobei ethische Fragen noch auf Antwort warten. Doch der Druck sei groß, in China etwa, wo der Smog die Städte und Gesundheit ihrer Einwohner vernebelt, müssen im Jahr 2020 bereits zehn Prozent aller neuen Autos Elektromotoren haben. Die Zukunft liege in der sinnvollen Verknüpfung von Fahrzeug und Nutzer: Statt immer neuer SUVs — nach Brachats Meinung sind das "Hausfrauenpanzer" — brachte er car2go ins Spiel, das aber noch keine Gewinne erziele, oder die Bestell-App "mytaxi" und das Carsharing, an dem ebenfalls noch kein Unternehmen verdiene.

Öffentliche Verkehrsmittel wie die Bahn streifte der Referent ebenso kurz ("jetzt in vier Stunden von München nach Berlin") wie das Grundproblem des großen Platzbedarfs für den Autoverkehr. Der chinesische Autohersteller Wey und der kalifornische Tesla-Erfinder Elon Musk erhielten einen Kurzauftritt in seiner Angebotspalette, das E-Tankstellennetz von Tesla lobte Brachat ausdrücklich und stellte einen Innovationspark an der A8 bei Zusmarshausen vor, wo gerade 144 Ladepunkte für E-Autos entstehen. Die Post kaufe ihre E-Autos vom Aachener Startup-Unternehmen e.Go — "zu deutlich günstigerem Preis als bei Feser", streute er nebenbei ein und warf noch einen Blick auf Lufttaxis und in Autos, die als Büro oder Schlafzimmer dienen, „bis man am nächsten Morgen ausgeruht in Berlin ankommt“.

Auf dem Hof von Toyota in Schwabach wird übrigens in den nächsten Tagen das erste Brennstoffzellen-Fahrzeug vorfahren, verriet dann Alexandra Buhl in einer kurzen Gesprächsrunde von Autohändlern der Region. Während Klaus Schmidt (BMW-Autohaus Waldmüller) sich auf Nachfrage von Dr. Carsten Krauß um die Zukunft seines Autohauses wenig sorgt, gab Uwe Feser (Geschäftsführer der Feser-Gruppe) zu bedenken, dass Berufe sich verändern, eine Halbierung des Händlernetzes bevorstehe und die Zulieferbetriebe sich ganz neue Geschäftsmodelle suchen müssten. Ferry Franz fasste zusammen: "Nicht die Großen werden die Kleinen fressen, sondern die Schnellen die Langsamen." Beim Blick des Referenten in die Zukunft seien einige Aspekte, synthetische Kraftstoffe etwa, außen vor geblieben, fand ein Besucher. Doch Brachat fügte einen ganz neuen Aspekt ein, der bis dahin auch nicht genannt worden war: "Oifach mal daheim bleiba, net immer abhaua!"

GANZ NEBENBEI

Das Auto ist anscheinend immer noch Männersache. Jedenfalls war das Publikum beim vierten Unternehmer- Netzwerk in der Rother Kulturfabrik vornehmlich von Krawattenträgern bestimmt, und der Referent Professor Brachat sprach ausschließlich die "sehr geehrten Herren" an. Deshalb hörten die Damen im Publikum auch höflich darüber hinweg, dass bei Brachats Vorstellung vom autonomen Fahren der "Hausherr zur Arbeit fährt", das Auto selbstständig zurückrollt und "die Gattin dann zum Einkaufen" einsteigt.

Dafür lenkten (nicht nur) die angedeuteten Schlipse am Dekolleté der vier singenden "Tonic Sisters" die Blicke der Zuschauer zielgerichtet auf die weiblichen Reize der attraktiven swinging girls. Denn das war schließlich beabsichtigt, und professionelles Entertainment gehörte zum Konzept des Abends, der — auch für den weiblichen Teil des Publikums — wirklich unterhaltsam war. car